Chronischer Stress und Trostessen: Warum Stress unsere Lebensmittelauswahl verändert
- 28. Apr.
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Stress ist ein vertrauter Bestandteil des Alltags und beeinflusst nicht nur unseren mentalen und psychischen Zustand, sondern auch unseren Appetit und kann langfristig die Lebensmittelauswahl beeinflussen, die wir treffen. Während manche Menschen in stressigen Zeiten, insbesondere bei akutem Stress, einen Appetitverlust erleben, kann eine chronische Belastung durch Stress auch den gegenteiligen Effekt haben.(1) Häufig führt dies zu stärkeren Gelüsten, insbesondere nach zuckerhaltigen, salzigen oder besonders schmackhaften Trostspendern. Gerade in Phasen, in denen der Körper besonders von nährstoffreichen und wertvollen Lebensmitteln profitieren würde, verspüren viele Menschen stattdessen ein Verlangen nach energiereichen Produkten wie Schokolade, Chips, Gebäck oder Fast Food. Diese Reaktion ist keineswegs ungewöhnlich und wird durch verschiedene biologische und psychologische Mechanismen beeinflusst.
Wie beeinflusst Stress den Appetit?
Durch einen komplexen Mechanismus wird das Stresshormon Cortisol bei einem wahrgenommenen Stressor von den Nebennieren ausgeschüttet und anschließend über eine negative Rückkopplungsschleife wieder gehemmt, sobald der Stressor vorüber ist. Wird die Belastung durch Stressoren jedoch chronisch, kann dieses Rückkopplungssystem beeinträchtigt werden, was zu dauerhaft erhöhten Cortisolspiegeln führen kann.(2) Chronisch erhöhte Cortisolspiegel können normale Sättigungssignale beeinträchtigen, wodurch es leichter fällt, über das physiologische Hungergefühl hinaus zu essen. Darüber hinaus kann die Nahrungsaufnahme stressbedingtes Unwohlsein vorübergehend reduzieren und die Stimmung verbessern, was ein emotional motiviertes Essverhalten mit der Zeit verstärken kann.(1)
Was sagt die Evidenz?
Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse aus dem Jahr 2022 schloss 54 Studien ein, die gesunde Erwachsene mit unterschiedlich wahrgenommenem Stressniveau und deren Essgewohnheiten untersuchten. Die Autoren analysierten den Zusammenhang zwischen Stress und ungesunden, gesunden sowie weiteren Lebensmitteln, wobei diese Kategorien anhand von Energiedichte und Nährstoffprofil eingeteilt wurden. Die Ergebnisse zeigten einen Zusammenhang zwischen höher wahrgenommenem Stress und einer höheren Aufnahme ungesunder Lebensmittel. Umgekehrt war ein geringeres Stressniveau mit gesünderen Entscheidungen verbunden, wenngleich die Effektgröße insgesamt klein war.(3)
Eine Querschnittsstudie aus dem Jahr 2015 untersuchte anhand eines vorhandenen Datensatzes mit 619 Personen den Zusammenhang zwischen chronischem Stress, Heißhunger und dem BMI. Die Ergebnisse zeigten eine positive Korrelation zwischen chronischem Stress und insgesamt stärkerem Heißhunger nach Lebensmitteln. Dazu gehörten insbesondere fettreiche Lebensmittel, komplexe Kohlenhydrate bzw. stärkehaltige Speisen, Süßigkeiten sowie fettreiches Fast Food. Der Datensatz umfasste jedoch auch Personen mit Nikotin- und Alkoholkonsum, was als potenzieller Störfaktor berücksichtigt werden sollte.(4)
Eine weitere systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse aus dem Jahr 2020 schloss 24 Studien ein, die die Ernährungsqualität und das wahrgenommene Stressniveau bei Frauen untersuchten, und bestätigte frühere Erkenntnisse, dass höher wahrgenommener Stress mit einer schlechteren, weniger nährstoffreichen Lebensmittelauswahl verbunden war. Diese zeichnete sich durch einen höheren Konsum von fettreichen Lebensmitteln, Süßigkeiten, salzigen Speisen und Fast Food sowie durch einen geringeren Verzehr von Obst, Gemüse, Fisch und ungesättigten Fetten aus.(5)
Was bedeutet das in der Praxis?
Akuter Stress unterdrückt den Appetit eher, während chronischer Stress Heißhunger verstärken kann, insbesondere auf besonders schmackhafte und stark verlockende Lebensmittel.
Dauerhaft erhöhte Cortisolspiegel infolge chronischen Stresses können den Appetit verändern, zu beeinträchtigten Sättigungssignalen führen und zudem stressbedingtes, belohnungsorientiertes Essen von Trostlebensmitteln fördern.
Die Evidenz zeigt, dass höherer chronischer Stress bei manchen Menschen mit einer weniger qualitativ hochwertigen Lebensmittelauswahl verbunden ist. Insgesamt besteht jedoch Einigkeit darüber, dass die Reaktion auf chronischen Stress individuell stark variiert und weitere hochwertige Studien notwendig sind, um klarere Erkenntnisse zu gewinnen
Fazit
Chronischer Stress kann sowohl den Appetit als auch die Lebensmittelvorlieben beeinflussen und bei manchen Menschen das Verlangen nach besonders schmackhaften Lebensmitteln erhöhen. Das Verständnis dafür, dass Trostessen sowohl biologische als auch psychologische Ursachen haben kann, kann dabei helfen, einen mitfühlenderen und zugleich praktischeren Umgang mit besseren Lebensmittelentscheidungen und Essgewohnheiten zu entwickeln.
Referenzen:
Ans AH, Anjum I, Satija V, Inayat A, Asghar Z, Akram I, et al. Neurohormonal regulation of appetite and its relationship with stress: a mini literature review. Cureus. 2018;10(7):e3032. doi:10.7759/cureus.3032.
O'Connor DB, Thayer JF, Vedhara K. Stress and health: a review of psychobiological processes. Annu Rev Psychol. 2021;72:663-688. doi:10.1146/annurev-psych-062520-122331.
Hill D, Conner M, Clancy F, Moss R, Wilding S, Bristow M, et al. Stress and eating behaviours in healthy adults: a systematic review and meta-analysis. Health Psychol Rev. 2022;16(2):280-304. doi:10.1080/17437199.2021.1923406.
Chao A, Grilo CM, White MA, Sinha R. Food cravings mediate the relationship between chronic stress and body mass index. J Health Psychol. 2015;20(6):721-729. doi:10.1177/1359105315573448.
Khaled K, Tsofliou F, Hundley V, Helmreich R, Almilaji O. Perceived stress and diet quality in women of reproductive age: a systematic review and meta-analysis. Nutr J. 2020;19(1):92. doi:10.1186/s12937-020-00609-w.
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine medizinische Beratung. Da individuelle Bedürfnisse variieren, wird für eine persönliche und maßgeschneiderte Unterstützung eine Beratung durch qualifiziertes Fachpersonal empfohlen.



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